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Ina (2019)

Ich bin Ina, Alkoholikerin

Meine Eltern waren sogenannte Flüchtlinge. Sie flohen aus der DDR, meine Mutter war mit mir schwanger.

Wir wohnten in einem Dorf, es waren die 60er Jahre. Mein Vater betrieb eine Baustoffgrosshandlung, es wurde überall gebaut. Das Geschäft lief gut. Meine Eltern ackerten, die wollten die Vergangenheit abschütteln, im Dorf als geachtete Leute gelten. Sie arbeiteten beide hart und viel. Es kamen noch 4 Geschwister, alle 3 Mädchen wurden Alkoholikerinnen. Alkohol war immer präsent. Es wurde zu allen Gelegenheiten viel und oft getrunken.

Die Erziehung war geprägt von emotionaler Vernachlässigung, Belohnung für Gutgemachtes, Bestrafung für Vergehen. Eine Drei bei einer Klassenarbeit war ein Vergehen. Dann gab es Strafe. Sätze wie: „Aus dir wird nie was", „wie kann man nur so blöd sein“ oder "du kannst später höchstens mal als Putzfrau arbeiten" waren für mich normal. Wir Kinder wurden versorgt mit Nahrung und Kleidung, daran mangelte es nie. Aber eine Kinderseele braucht mehr,um satt zu werden.

Später, mit gerade 21 Jahren, nahm ich bei einer sehr großen Institution am größten deutschen Finanzplatz, meine Arbeit auf. Ich war 15 Jahre dort. Ich kam nach oben und auch meine Alkoholkarriere begann in dieser Zeit. Tolle Restaurants, Champagner zum Frühstück, edle Weine zum Essen, feinster Cognac zum Kaffee. Meine Eltern waren sehr super stolz und ich dachte: Was ein aufregendes Leben. Mein Alkoholkonsum steigerte sich kontinuierlich, der Stress wuchs. Ich fing an, abends alleine zu trinken, um schlafen zu können. Am Wochenende setzte ich den Alkohol zur Entspannung ein. Beziehungen kamen und gingen, ich wollte oder konnte mich nicht binden. Ich weiß, dass ich viele Männer sehr verletzt Habe. Ich hatte nach außen alles, was man sich wünscht. Genügend Geld,Wohnung, Auto, Klamotten vom Feinsten und so weiter. Und wurde immer einsamer und leerer. Auch von der Familie zog ich mich zurück. Dafür hatte ich meinen Ersatz… Alkohol. Mittlerweile harte Sachen.

Irgendwann konnte ich morgens nicht zur Arbeit gehen, es ging mir grottenschlecht, ich sah verheerend aus und ging zum Arzt. Er untersuchte mich, nahm Blut ab und rief mich 2 Tage später an. Er sagte, ich hatte morgens einen Alkoholpegel von 1,5 Promille. Ich hatte genug Ausreden parat und trank weiter. Ich nahm ab und wurde gefährlich untergewichtig. Kollegen sprachen mich an. Mach mal eine Kur, meinten sie. Von Alkohol sprach niemand. Sie tranken ja selbst alle. Und der Tag kam, wo ich nicht mehr auf die Füße kam und die erste Entgiftung machte. Und es sollten noch etliche weitere folgen.

Ich machte eine ambulante Therapie. 9 Monate hab ich es geschafft, nicht zu trinken. Der Absturz danach war die Hölle. Ich lag fast 4 Wochen im
Krankenhaus, völlig kaputt. Ich wurde entlassen, ging wieder arbeiten und am Arbeitstag öffnete mir damaliger direkter Chef morgens um halb acht die Tür zum Büro… mit einem Wasserglas voll mit Wodka. Ich kündigte meine Arbeit, ging nach Hause und verschanzte mich erstmal. Ich machte eine Zusatzausbildung, fing wieder an zu arbeiten und trank wieder. Ich erfuhr, dass mein damaliger Chef von der Arbeit sich erschossen hatte. Für mich ein Grund, wieder hemmungslos zu trinken, wieder Entgiftung, die Arbeit kündigte ich vorsichtshalber selbst. Ich ging in eine Suchtberatungsstelle, die sich im Krankenhaus vorgestellt hatte. Die eine Sozialarbeiterin dort war eine trockene Alkoholikerin. Eine sehr starke Persönlichkeit. Sie strahlte soviel Zuversicht, Heiterkeit und Lebensfreude aus. Ich merkte, wie ich das Gespräch zu ihr suchte. Sie war die allererste AA-Bekanntschaft, mit der ich offen und ehrlich über meine Sucht sprach. Und sie erzählt mir von den AA-Leuten. Vom Programm. Von einem Meeting, welches ich aufsuchen sollte. Es wurde noch ein halbes Jahr mit immer schlimmer werdenden Abstürzen, körperlich ging es auch immer mehr bergab.

Es folgte eine stationäre Therapie, die mir erst mal körperlich recht gut half und ich konnte auch die Therapien gut annehmen.Danach traf ich wieder auf die Sozialarbeiterin der Suchtberatungsstelle und ich besuchte mein erstes Meeting der AA. Dieses Meeting werde ich nie vergessen. Das Meeting begann immer Freitags um 18.00 Uhr, Ich war schon eine halbe Stunde früher da und wartete im Schatten einer alten Kirche gegenüber vom Meetingraum. Ich zweifelte und mein Mut sank: Soll ich da wirklich reingehen, "du kannst immer noch nach Hause gehen"... Ich war total unsicher. An der geöffneten Tür stand ein freundlicher Herr und empfing höflich die Besucher. Ich ging um fünf vor sechs los Richtung Meetingraum. Der freundliche Herr empfing mich mit den Worten “Schön , dass du da bist“. Das ist aber freundlich, dachte ich, und folgte dem Herrn eine Treppe hinunter in den Keller. Ich betrat den Meetingraum,es waren etwa 25 Leute anwesend , und kein einziger Stuhl war mehr da. Der freundliche Herr holte mir sofort einen Stuhl, ich setzte mich sah mich um.

Da saßen gestandene Männer, attraktive Frauen, junge Männer in Arbeitsklamotten und junge Frauen mit zum Teil schrill gefärbtem Haar. Ich rutschte auf meinem Stuhl eine Etage tiefer, atmete tief durch und dann begann das Meeting nach den in AA üblichen Meetingabläufen und dann fing einer nach dem anderen, je nach Wortmeldungen, an von sich zu erzählen. Ich war zutiefst berührt. Die Worte, welche die Männer und Frauen sprachen, waren klar und deutlich. Sie waren voll Emotionen, aber ohne Selbstmitleid, kraftvoll und stark, demütig und ohne Schnörkel. Sie hatten ihre Sorgen und Nöte, genauso wie die "Normalen da draußen", aber sie gingen anders damit um.

In allen war die Bereitschaft, sich nicht mehr vom König Alkohol regieren zu lassen zu wollen. Es waren die Geschichten, wie wir sie in ähnlicher Form von uns selbst kennen. Die Atmosphäre dieses Meetings empfinde ich noch heute bei jedem Meetingbesuch. Ich sog das Gehörte, Gesagte und Gefühlte in mich auf und es war, als wenn mich ein unsichtbares Band mit allen verband. Und es war der entscheidende Wendepunkt für viele darauffolgende gute trockene Jahre. Allerdings nicht ohne Stolpersteine. Am Anfang ging ich fast täglich in die Meetings der Stadt. Zum Glück hatte ich die Möglichkeit dazu in der Großstadt. Aber mein erstes Meeting wurde mein Stammmeeting. Vieles, was ich in den Meetings hörte, verstand ich nicht. Kapitulation, Inventur, Höhere Macht, Wiedergutmachung… alles Begriffe, mit denen ich im Zusammenhang mit Alkohol nix anfangen
konnte.

Und wieder war es ein Freund aus meinem Stammmeeting, der auf mich zukam, mir die Kinderschuhe anzog und ich anfing, mit Hilfe des Schritte-Programms der AA laufen zu lernen. Ich fing an zu verstehen, um was es bei mir ging, und konnte meinen krankhaften Verhaltensmustern auf den Grund gehen. Trotzdem wurde ich noch mehrmals rückfällig. Leider. Etliche AA-Freunde besuchten mich im Krankenhaus und halfen mir dabei, wieder auf die Beine zu kommen und unterstützen mich, weiter an mir zu arbeiten. Ich suchte mir eine Arbeit ,die mich erfüllte und mir Spaß machte, ich fand eine schöne kleine Wohnung, die ich mir gemütliche einrichtete. Auch lernte ich mehr und mehr, mich auf zwischenmenschliche Beziehungen einzulassen. Und vor allem, ich lernte mich selbst kennen, mich anzunehmen, so wie ich bin.

Heute lebe ich in einer langjährigen Beziehung, die auf Respekt, Ehrlichkeit und Vertrauen beruht. Und viel Humor und Lachen. Auch das hab ich bei AA gelernt, Heiterkeit und Frohsinn. Manchmal nicht alles zu Ernst nehmen und die Dinge auch mal mit Humor zu betrachten. Aber bitte kein Chichi mehr! Ich habe immer noch viele Lebensbaustellen und noch ein Stück Weg vor mir. Aber ich bin schon einige 24 Stunden trocken und habe das Vertrauen in mir und die Gemeinschaft der AA, diesen Weg zu schaffen.

Ich bin jeden Tag dankbar, den Weg in die Gemeinschaft der AA gefunden zu haben und ihn zu gehen. Die Gemeinschaft der AA und die Arbeit in den Schritten, so wie das Teilen mit den AA- Freunden ist zu einer wichtigen Säule in meinem Leben geworden.

Dezember 2019
Ina, Alkoholikerin

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