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Matthias (2018)

Matthias, Alkoholiker,

Michaela die teilweise von mir subjektiv als recht emotionsgeladenen Beiträge der vergangenen Tage ließen mich nachdenklich werden. Warum bin ich in meiner Situation? Warum habe ich mich bei einem Alkoholiker-online-Forum angemeldet? Warum tue ich mich so schwer, etwas an meiner Situation zu ändern?

Meine Kindheit war wohlbehütet. Wir waren alles andere als finanziell reich, aber das war mir egal, ich kannte es nicht anders. Mit Schulbeginn änderte sich vieles. Ich hatte das Glück, ohne Anstrengung beste Noten zu erzielen, was leider nicht - wie von mir damals erhofft - zu Anerkennung führte (schließlich funktionierte das Leistungsprinzip "zu Hause" immer gut), sondern im Gegenteil: zu abgegrenzt sein. Das nicht-teilnehmen können an Klassenfahrten (schlichtweg weil meine Eltern es nicht bezahlen konnten), machte mich gefühlt noch mehr zum Aussenseiter. Die Lösung meines kindlichen Verstandes war Sport. Frühzeitig - dank Ehrgeiz und (aus heutiger Sicht) nahezu "völlig schmerzfreier" Inkaufnahme von Verletzungen bei anderen, aber auch bei mir selbst, erreichte ich innerhalb weniger Jahre eine Leistungsklasse, die mir "internationale" Türen öffnete.

Der Haken: wir lebten in der DDR. Wollten in den Westen (per Übersiedlungsantrag). Also kamen 2 Tage vor meinem ersten int. Turnier (Prag) 2 Herren der Stasi. Gespräch mit Vater: entweder Antrag zurückziehen, oder der Sohn darf nicht nach Prag. Ich fuhr nicht nach Prag, wenig später waren wir im Westen. Sportverein war nicht drin (kein Geld). Mein Vater empfahl mir, mit mit Sand gefüllten Eimern zu trainieren. Was ich heute als pragmatische Lösung erachte, fand ich damals total bescheuert. Leider hatte mein alter Herr nochmehr solcher lebensnahen Praxistips auf Lager. Nun, ich war schlauer, noch dazu ein 1-er Kandidat mit beachtlichem sportlichen Leistungsvermögen. Ich zog es vor, mein Glück allein zu versuchen. Alkohol, bald auch Drogen... die schulischen Leistungen gingen bergab, Probleme zu Hause häuften sich.

Mit Ach und Krach schaffte ich Abitur, obwohl ich damals sicher war, dass alles ganz anders ist und die Schule eher so eine Art staatserzwungener Pflichtübung darstellt. Zu Hause flog ich raus.

Dann Gelegenheitsjobs, dann selbstständig. Da die erste Erkenntnis: das, was die anderen machen, die Art der Gesprächsführung, die logischen Schlußfolgerungen, der offenbar gleiche Humor (ich fand's garnicht witzig), das kann ich nicht. Also lieber Ausbildung: Krankenpfleger. Toller Beruf, bescheidene Arbeitsbedingungen, verstanden habe ich immer noch nix. In Konsequenz gelang es mir, meinen Cannabiskonsum zu beenden. Ich musste eingestehen, daß ich nicht wirklich damit umgehen konnte. Leider hatten mich weder mystische Erlebnisse, noch wirklich spirituelle Erfahrungen auf die Idee gebracht, diesem Gott, diesem Alles- Seienden, diesem universellen Energiepool auch nur einmal zu danken, geschweige denn zu fragen, ob ich als Individuum vielleicht irgendetwas tun könnte, um dieses wahrlich imposante Ganze zu meiner Realität zu machen. Also wähnte ich mich "demutsvoll" wenn ich ein wenig mehr für meine Ausbildung tue (in Wirklichkeit war ich frustriert, daß ich dieses geile Erleben nicht bewusst steuern kann) und konnte mich tatsächlich an einer Uni immatrikulieren. Immer schön nach dem Leistungsprinzip. Besonders leistungsfähig war ich beim saufen. Allabendlich reichlich (schlief sich besser), am Wochenende gern auch mal schon tagsüber. Irgendwas ließ mich das Studium sogar erfolgreich abschließen. Unglaublich, von der feierlichen Exmatrikulation weiß ich nur noch, daß ich sturzbesoffen hinkam. Wie nach Hause - keine Ahnung.

Egal. Es muss weitergehen. Bafög gab's nicht mehr. Also arbeiten. 60 Stunden pro Woche, in Spitzenzeiten bis zu 100 (für alle die denken: geht doch garnicht: geht wohl: die Woche hat 168 h). Gut verdient, endlich..., viele Sachen gekauft - ich war ja schliesslich ein toller Hecht - die Überlastung lange kupiert: mal mit Urlaub, mal mit shopping, mal mit sex..., aber immer mit Alkohol - und zwar reichlich. Irgendwann merkte ich, daß ich nur noch arbeite und saufe. Irgendwas fehlte....

Ahh! Familie! Nicht die Eltern oder die Geschwister, ne eigene! Freundeskreis hatte ich nicht, also Internet - wir leben doch im 21. Jh. - kein Problem. Das Schicksal meinte es gut mit mir. Frau mit zwei Kindern. Wollte ich eigentlich nie (fremde Kinder? ICH?). Es war anstrengend, aber gut. Und schliesslich wollte ich es ja.

Natürlich gab es auch Probleme. Das grösste: jede Nacht, wenn meine Frau schlief, ging ich in die Garage - vier Bier auf die Schnelle, huch, war das erleichternd. Eine andere Erleichterung folgte auf einen emotionalen faux-pas (fremdgehen per sex-chat [nie in echt, obwohl, wahrscheinlich wäre auch das irgendwann passiert]). Trennung.

Da war ich nun. Allein. Alkoholproblem. Kein Freundeskreis. Dabei bin ich doch so ein lieber Kerl... Was hilft's? Arbeiten, Frauen kann man auch zwecks Gelegenheit treffen (Geschlechter in diesem Fall frei tauschbar!), so schlecht ist das Leben allein ja nun auch nicht.

Wenn nur nicht dieses Saufproblem wäre. Fixe Planungen: "morgen erst ab 18 Uhr" funktionierten schon lange nicht mehr. Ich habe zwar nie auf Arbeit getrunken, aber nach 10 Flaschen Bier am Abend..., nunja. Es kam, wie es kommen musste. Mein Chef kündigte "Betriebsbedingt". Was soll's. Im Grunde war ja eh der sch... Job Schuld, daß ich "zum Ausgleich", "als Belohnung" so viel trinken musste. Jetzt konnte ich. Und das tat ich. Nach 30 Jahren - wie sagt man so schön? - "moderatem Konsum" Vollgas. Juchhuh. Nicht lange. Morgens Zähne putzen? Keine Chance, ne halbe Stunde trocken erbrechen, bis die erste Flasche Wein intus ist, das war Realität. An der Kasse vor Tremor nur noch mit Scheinen bezahlen, zu Hause pures Blut kacken. Ein geblähter Bauch wie 8. Monat schwanger. Chronische Kopfschmerzen, Tinnitus beidseits, Gefühlsstörungen in Händen und vor allem Füssen. Rezidivierend Stürze, blaue Flecken überall. Dann Bauchschmerzen, wie ich sie noch nie erlebt hatte - als ob man mir eine glühende Stahlstange in die Wirbelsäule rammt. Pankreatitis, die zweite (die erste habe ich unterschlagen, weil sie im Vergleich zur zweiten noch auszuhalten war). Notarzt? Unbedingt, Pancreatitis lt. i-net-Recherche unbehandelt bis zu 30% Todesfolge. Aber: Aber nicht in diesem Zustand. Und in diese Müllhalde von Wohnung kann ich niemanden reinlassen. Lieber krepieren. Ist doch eh alles Scheisse. Ja, der Moment der Entscheidung. "Hit the rockbottom", quasi die Steigerung von "Hit the road".

Kapitulation.

4 Tage später konnte/durfte ich wieder laufen. Geschwächt, aber es reichte, um zum Arzt zu gehen. Der guckte mich ziemlich besorgt an. Blutentnahme - mittel-katastrophale Werte. Offenbarung, das erste Mal Alkohol betreffend einem Menschen gegenüber, mit dem ich eigentlich nix zu tun habe. Ist doch ein Arzt? War mir völlig egal, wenn ich mir das Leben so anschaute. 8 Tage später Aufnahme zur Entgiftung (allen Ernstes trotz 15 Flaschen Bier am Vortag mit 0,0 Promille :-))) ), meine Seele ist zweifelsfrei krank, aber die Leber tut's noch. Dort Erstkontakt mit AA, seither keinen f2f-meeting-Termin verschlonzt. Weitere 3 Monate später 10 Wochen Reha (Suchtspezifisch).

Irgendwie fühlte sich alles komisch an. Bin ich wirklich so ein Versager? Derart von überbordendem Stolz und Selbstmitleid erblindet? Nun, ja, auch deshalb bin ich in meiner heutigen Situation. Kommt noch ein "bisschen" Faulheit dazu. Der 4. Schritt (Inventur) könnte helfen, macht aber natürlich etwas Arbeit - und emotionale Arbeit ist nicht immer angenehm...

Warum habe ich mich bei einem Alkoholiker-online-Forum angemeldet? Irgendetwas in mir liess mich zur Überzeugung kommen, daß Anonymität im Umgang mit meinen persönlichen Problemen hilfreich sein könnte. Schliesslich muss ich nicht antworten, genauso wenig, wie jemand meine Beiträge beantworten muss. (Praktisch halte ich es aktuell für einen weiteren Versuch meines kranken Geistes, Arbeit - besonders emotionale - und Aufarbeitung der Vergangenheit zu umgehen.) Quasi mir selbst implizieren etwas zu "tun", um dann beruhigter zu sein.

Warum tue ich mich so schwer, etwas an meiner Situation zu ändern? Es gibt einige "Charakterfehler", die besonders geeignet sind, sich selbst im Weg zu stehen. Die Lösung ist in meinem Fall recht einfach: Ich muß einfach nur einen Schritt beiseite gehen. Und zwar aktiv. Nicht darüber nachdenken, den Schritt beiseite zu gehen, nicht das ganze Gebilde von Ursache und Wirkung vor dem geistigen Auge durchspielen. Machen. Tun.

Zum Beispiel schreiben. Gerade von mir. Immer wieder entdecke ich bei kritischer Selbstreflektion, daß meine gut gemeinten "Ratschläge" für andere selbstgerechtes Gequatsche sind (nicht immer, aber eben doch...). Ob die anderen was davon haben? Keine Ahnung. Aber ich habe was davon, wenn ich von mir schreibe!

Schon verrückt, was einem dabei so alles durch den Kopf geht..., eines ist aber klar: soweit ich heute mein Dasein reflektieren kann, wäre ich noch vor 1 Jahr nicht in der Lage gewesen.

Vielen Dank, daß ich hier teilen durfte.

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