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Viviane (2007)

Hier ist Viviane aus Luxemburg. Ich bin hier und nehm mir jetzt mal Zeit zum Schreiben.

Mir gehts richtig gut bei dem wunderschönen Frühlingswetter. Wenn ich bedenke wie schlecht es mir letztes Jahr um diese Zeit ging, bin ich heilfroh nochmal mit einem blauen Auge davon gekommen zu sein. Letztes Jahr im April - Mai ist bei mir alles aufgeflogen. Meine ganze Trinkerei, die dazugehörigen Depressionen, haben mich fast soweit gebracht, dass ich nicht mehr leben wollte, aber gottseidank nur fast. Ich bin alleinerziehende Mutter von einem jetzt 10-jährigen Sohn, habe einen guten Job im Krankenhaus und eine eigene Wohnung. Ich hätte fast alles verloren.

Es zählte nur noch der Alkohol, nichts war mir mehr wichtig, nichts erschien mir mehr gut oder schön. Alles schwarz. Ich habe dann krankgefeiert, 1 Tag, dann 2 und am dritten haben Arbeitskollegen von mir an der Tür geklingelt und mich mit ins Krankenhaus geschleppt (das wo ich auch arbeite), und dort habe ich dann nach 1 - 2 Fluchtversuchen meine Entgiftung gemacht. Hatte dann innerhalb kurzer Zeit 3 Rückfälle, und habe von August bis Oktober eine Therapie in Tönisstein gemacht.

Wieso ich das jetzt schreibe weiss ich nicht, oder doch. Es erscheint mir wichtig, weil es mir jetzt so gut geht, und ich alles ohne trinken zu müssen auf die Reihe kriege. Ich habe zwar öfters Diskussionen mit meinem Sohn, hauptsächlich wegen der anstehenden Hausaufgaben. Ich habe einen Bruder, der es einfach nicht schafft aus seiner Alkohol und Drogen-sucht auszusteigen, mein Vater ist Alkoholiker, meine Mutter hat grosse Geldsorgen, aber trotzdem lasse ich mich nicht mehr so runterziehen, dass ich das Glas ansetzen muss.

Nach meiner Rückkehr aus der Therapie, habe ich eine eigene Selbsthilfegruppe gegründet, da dies mir sehr wichtig erschien, und auch jetzt noch ist. Unsere AA-Gruppe in meiner Stadt hat leider keinen guten Ruf, und deshalb habe ich eine SHG von ehemaligen Tönissteiner Patienten gegründet. Wir treffen uns immer Dienstag abend, wir sind zwar nur eine Handvoll bis jetzt, aber jeder ist mir wichtig und ans Herz gewachsen.Manchmal geht mir soviel im Kopf rum, wenn ich eure Beiträge lese, aber ich komme nicht immer zum Schreiben. Ich möchte euch jedoch sagen, dass es mir sehr wichtig ist in eurem Forum dabei zu sein, und ich mich über jeden Beitrag freue, und sei er noch so kurz oder so lang.

Zu unserem Wochenthema: "Zwischenmenschliche Beziehungen! Hat sich meine Einstellung zum Umgang mit Familie und Freunden grundsätzlich geändert, seit ich trocken bin?"Ich habe jetzt nach meiner Entgiftung und meiner Therapie ganz andere Freunde, als in meinem vorherigen Leben, liebe Freunde, die wissen was mit mir los ist, und mich verstehen, und für mich da sind. Zum Schluss meiner Leidenszeit hatte ich überhaupt keine Freunde mehr, keiner wollte mehr was mit mir zu tun haben, und ich sowieso nicht. Wer will denn schon eine Säuferin als Freundin. Ich bin zwar jetzt auch noch immer ohne Partner, ich hoffe, dass ich irgendwann mal den richtigen finde, oder er mich, bis dahin geht es auch ohne, ich lass mich nicht mehr unterkriegen.

Heute abend gehe ich wieder zum Walken. Das macht mir auch Spass. Ich hab letztes Jahr im Juni, wo ich die Wartezeit bis zu Therapiebeginn in einer Tagesklink hier in Luxemburg verbracht habe, mit dem Nordic Walking angefangen, und bin bis jetzt am Ball geblieben. Wir sind immer eine Gruppe von 10 - 15 Personen, alles Leute, die mich nur so kennen wie ich jetzt bin, und die mich dort voll akzeptieren. Also hab ich doch noch so einiges hingekriegt, geradegebogen, kurz vor dem Niedergang.

Alles Liebe

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