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Ulrike (AlAnon, 2005)

Mein Name ist Ulrike, ich gehöre zu Al-Anon, dies ist meine Geschichte:

Geboren 1965 in Schleswig-Holstein, umgezogen mit 4 Jahren nach München, wo dann meine Schwester zur Welt kam.

Als Ältere hatte ich die Verantwortung für meine Schwester und vor allem für ihre Taten zu übernehmen. Grundsätzlich lag die Schuld bei mir, egal was passierte, egal wie ich mich wehrte. Ich als Ältere müsse die Vernünftigere sein. Strafen und Ohrfeigen gab es häufiger für mich.

Ich bin getauft und bin auf meinen Wunsch und entgegen den Vorstellungen meiner Eltern konfirmiert. Sie hatten mir sogar Geld geboten, um die Feier auslassen zu können. Und das Drumherum. Da ich mich in der Familie nicht besonders wohl fühlte, meine Schwester und ich hatten ein gemeinsames Zimmer, sich zurückziehen war absolut nicht möglich, war ich häufiger in der Kirche zu finden. Der Pfarrer hatte meine Eltern auch mal besucht, als die heimischen Krisen zu heftig wurden und ich abhauen wollte.

Ich fühlte mich immer als Außenseiter, das Jugendzentrum wäre für mich nicht in Frage gekommen, dazu hätte ich schon in einer Clique sein müssen. Ich hatte allerdings nur ein paar einzelne Freunde.

Getrunken wurde in meiner Familie regelmäßig, zu Feiern mehr als sonst, meine Mutter hat sich zudem in Tabletten geflüchtet. Meine Tante erzählte mir mal, meine Mutter hätte sich im Bad eingeschlossen und angedroht, sich umzubringen. Meine Reaktion darauf war, lass sie, sie tut's eh nicht. An die Begebenheit kann ich mich erinnern, es kam häufiger vor, an die Worte von mir nicht mehr.

Erinnern kann ich mich, dass ich auch früher häufiger mal an die Partyreste gegangen bin, mal einen Schluck Likör getrunken habe oder Eierlikör bekommen hab. Zu Silvester, da war ich ca. 16 Jahre, meine Schwester 12, gab es von der Mutter für jeden einen Piccolo, da wir zu Hause blieben und sie ausgegangen sind. Herjeh war ich blau, das Beweisfoto existiert noch. Viel getrunken hab ich nicht, musste Tabletten nehmen gegen meinen heftigen Heuschnupfen, das vertrug sich absolut nicht. Die Dinger waren in der Anfangszeit so heftig, ich hab kaum noch was in der Schule mitbekommen und Entzugserscheinungen im Herbst waren inklusive. Ohne hätte ich allerdings nicht mal das Haus verlassen können, meine Augen schwollen zu und ich konnte kaum sehen.

Mit 15 lernte ich meinen ersten Freund kennen, wir waren lange zusammen, dann verlief sich das und später, er war schon in Berlin, kamen wir wieder zusammen und ich in diese Stadt. Er verstarb mit 26 Jahren an einem in der Familie häufig vorkommenden Herzfehler.

Später drängte sich mir der Verdacht auf, ich habe eine Aufgabe zu erfüllen, dabei versagt und muss nun damit rechnen, sie wieder präsentiert zu bekommen. Dieser Gedanke war immer mal weg, tauchte aber auch regelmäßig wieder auf.

Ich war dann mit C. zusammen, heute mein Exmann und Vater unserer Tochter. Mein Ex-Schwiegervater ist Alkoholiker, der zwei Jahre nachdem ich ihn kennen lernte, trocken werden durfte. Mit ihm komme ich immer noch bestens klar, so ihn seine Frau lässt, denn sie ist sauer, hab ich doch ihren Sohn verlassen und so darf er eigentlich nicht mit mir reden. Ich bekam recht wenig von seinem Alkoholikerdasein mit, außer dass meine Exschwiegermutter und die gesamte zahlreiche Sippschaft gerne und viel trank und nicht verstand, wenn ich ablehnte. C. selber trank auch reichlich, nicht permanent, aber wehe wenn er was in die Finger bekam. Party ohne Alkohol ? Undenkbar und eine Beleidigung für ihn.

Als ich dann verheiratet war, musste ich plötzlich alles organisieren. Zusehen, dass Geld reinkommt, der Kühlschrank gefüllt und die Bude sauber ist. Der ehemals recht selbständig wirkende Mann mutierte zum Faultier. Es gab Saufgelage mit Freunden, mit der dazugehörigen Meckerei, warum nicht genug Alkohol im Haus ist. Was regelmäßig Streit gab, denn ich wollte keine Kästen schleppen, schon gar nicht Dinge, die ich selber nicht anrührte. Und übel grölende Menschen in der Wohnung.

Kamen noch einige Gründe mehr dazu, jedenfalls bin ich dann aus der Ehe ausgestiegen, sozusagen Kündigung eingereicht. Mit meiner Tochter in eine eigene Wohnung. Gab und gibt immer noch einigen Ärger deshalb.

Danach habe ich mich im Internet in zahlreichen Communities rumgetrieben und diverse kurze Beziehungen gehabt. Es gab allerdings von Anfang an einen Mann, der mir schrieb und das mehrmals täglich. Nur Treffen wollte er sich lange nicht. DIE Herausforderung für mich, ein interessanter und anscheinend intelligenter Mensch, der gute Ratschläge zum Onlineverhalten gibt, sich aber selber nicht daran hält. Na warte, dachte ich mir. Und tatsächlich, ich hab ihn dazu bekommen, sich doch mal aus seiner Höhle zu wagen.

Danach wurde der Kontakt noch intensiver, wir schrieben uns nach wie vor mehrmals täglich, teilweise auch über Messenger und telefonierten. Sahen uns auch in Abständen. Ich war nicht die Einzige, mit der er Kontakt hatte, aber ich war diejenige, die nach seinen Aussagen am Meisten über ihn wusste und mit der er zusammen sein wollte.

Er besuchte mich oft, immer eine Weinflasche im Gepäck oder die Frage, ob er was besorgen soll oder ob ich das mache. Erst mal nicht weiter verdächtig, hab ich mir nichts dabei gedacht. Komisch war, er blieb nie lange, hatte es für gewöhnlich ziemlich eilig, wieder nach Hause zu kommen um anschließend sofort wieder Kontakt aufzunehmen und sich zu ärgern, dass er gegangen ist.

Argwöhnisch wurde ich erst, als ich bei ihm war und sah, welche Mengen er in rasender Geschwindigkeit reinschütten konnte. Irgendwann kamen dann die Auszeiten. Er meldete sich 3 Tage nicht. Sprach davon, dass wir uns dann und dann treffen könnten und ward nicht mehr gesehen, bzw. gehört.

Nach einigen Ausfällen kam dann raus, woran es lag. König Alkohol. Gefolgt von Selbstmordabsichten, die er mir mitteilte. In meiner Panik hab ich dann seine Verwandte angerufen, J. hatte mir so nach und nach seine Freunde und eben jene Verwandte, die in meiner Nähe wohnt, vorgestellt. Die Gute war nicht erreichbar, also hab ich einen Brief geschrieben und bei ihr eingeworfen. Sie rief mich dann an und erzählte mir ein paar Sachen, die er schon fertiggebracht hat, da setzte ich mich bald auf den Hintern. Ich war so unwissend.

Und hatte zudem ab diesem Tag seine Mutter am Hals. Sie wurde informiert, da sie in der Nähe wohnte. Statt selber nachzusehen, rief sie ständig an, sie will wissen, wie es ihm geht, was er macht, warum er sich nicht meldet. Woher sollte ich das wissen ? Ich war sowieso in ständiger Sorge, wie es ihm geht, ob er überhaupt noch lebt usw. Versuchte mich fieberhaft im Internet und mit Büchern über Alkoholismus zu informieren und kam nicht weiter.

Seine Auszeiten kamen immer häufiger, er fing an völlig unklar und mit vielen Rechtschreibfehlern zu schreiben und das bei ihm, einen Pedanten ! Rief zu unmöglichsten Zeiten an, war dann manchmal kaum noch zu verstehen. Fürchterlich. Und immer die Ungewissheit, was kann ich tun, kann ich überhaupt was tun, bin ich mit schuldig, wenn er eines Tages umfällt ? Lieber Gott, kann er wenigstens bei mir umfallen, dann wüsste ich was zu tun ist. Falls ich mich dann traue.

Als es so schlimm wurde, hatte ich schon den Schlüssel zu seiner Wohnung, bin aber nur nach Absprache hin. Hatte also zusätzlich den Druck, ich könnte, wenn ich es wollte, tatsächlich hin und nachsehen, hatte aber nicht den Mut dazu, weil ganz klar vereinbart war, den Schlüssel bekommt außer mir niemand und ich gehe nur rein, wenn er das so möchte.

Dazu immer wieder seine Mutter, die den Schlüssel wollte. Oder ich solle sie reinlassen. Vor der Tür hat sie mir aufgelauert, ich habe immer abgelehnt. Dann hat sie ihm Essen gekocht und hingestellt, worüber er sich tierisch aufregte. Klar, er konnte hervorragend kochen, wenn er in der Lage war.

Ich suchte Meetingadressen und gab diese an J. und an seine Mutter. Ich selber war fertig und ging zu einer Psychiaterin. Sie hat mich angehört und meinte dann, ich bräuchte niemanden und wenn doch, dann könne ich ja wiederkommen. Einen Tag vorher wollte ich noch mit meiner Karre an den nächsten Baum fahren und sie sagt, ich wäre o.k.. Unglaublich.

So fand ich zum Onlinemeeting, im Dezember 2003. Ein Glück, ich weiß nicht, ob es mich sonst noch gäbe.

Dann kamen die Bettelanrufe. Bring mir Alkohol. Ich brauche das, ich kann nicht mehr raus, ich bin am Ende. Meine Antwort war nein, ich kann sowieso nicht weg und meine Tochter alleine lassen, sie ist zu klein, außerdem die übelste aller Fragen: Ist die Flasche, die ich ihm bringen würde, diejenige, die ihn umbringt, die Adern in seiner Kehle platzen lässt oder stirbt er weil ich es nicht tue und er ins Delirium fällt ??? Ich habe ihm einmal eine Flasche gebracht, die Gewissensbisse danach waren genauso heftig, wie wenn ich es nicht getan hätte. Das durfte ich erfahren, als ich es beim nächsten Mal ablehnte.

Seine Mutter musste ihn noch mal gesehen haben, sie rief mich an und fragte, wann und wo er sich die Schneidezähne ausgeschlagen hätte. Woher sollte ich das wissen, bin ich das Kindermädchen ?

Ich fing an, mir die Wochenenden zu verplanen. Bei ihm ging nur noch das Handy, es gab keinen Grund mehr, 24h am PC zu sein, per Handy konnte er mich immer erreichen. Außer wenn ich in der Therme war, er rief dann danach an.

Im Januar 2004 hatte ich mich wieder zu einem Thermenbesuch gequält, um nicht ständig zu Hause auf ein Lebenszeichen von ihm zu warten und um Kraft zu schöpfen. Ich hatte allerdings schon am Freitag ein komisches Gefühl, ich konnte ihn nicht mehr spüren, hatte ein Gefühl von Leere. Wir, ein Kumpel, den ich gebeten hatte mitzukommen und dafür zu sorgen, dass ich nicht absage, fuhren zurück, als ich überlegte, in Potsdam vorbeizufahren und doch noch nachzusehen, was los ist. Schlüssel hatte ich dabei. Hab mich aber doch nicht getraut.

Seine Mutter verlangte Abends wieder telefonisch den Schlüssel, ich sagte ihr zum wiederholten Male, es liegt noch einer im Keller, sie würde ihn garantiert finden. Sie glaubte mir nicht. Ich bat darum, dass sie einem Freund von ihm meine Nummer gibt, mit ihm würde ich hinfahren. Montag Nachmittag haben wir telefoniert, wollten Dienstag hin. Versuchte weiter J. anzurufen, es ging kurz jemand ran, dann war Ruhe. Kurz darauf ein Anruf seines Freundes bei mir, sie haben die Wohnung mit dem Schlüssel im Keller aufgemacht und ihn tot vorgefunden. Laut Ärztin, die dann kommen musste, starb er am Freitag. Der Tag, an dem ich ihn nicht mehr spüren konnte. Habe ich wieder eine Aufgabe nicht erfüllt ?

Zu der Beisetzung wurde mir von seiner Familie untersagt hinzukommen. Ich sei unerwünscht. Ich habe mir das nicht nehmen lassen, den Termin rausgefunden, obwohl er kurz vor Schluss nochmals verlegt wurde, damit ich nicht hin kann. Ich war auch nicht alleine dort, eine AA-Freundin hat mir spontan ihre Begleitung angeboten. Dafür bin ich ihr dankbar. Dazu hatte ich eine Freundin und meinen Kumpel dabei, denn wir mussten mit allem rechnen. Meine Chorleiterin hatte mir angeboten, dass eine kleine Gruppe von uns zur Beisetzung singt, bei dieser Feindschaft von Seiten der Verwandtschaft von J., konnte ich das nicht machen, obwohl J. ein großer Fan von uns war und es ganz sicher schön gefunden hätte. Ich habe später alleine für ihn am Grab gesungen. In diesem Augenblick fing es an leicht zu regnen, obwohl vorher der Himmel klar war. Ich nehme es als Zeichen, dass er es verstanden hat.

Einige Monate später gewährte ich einem guten Bekannten von mir Unterschlupf bei mir, bis er eine eigene Wohnung in Berlin gefunden hat, er wollte seine überteuerte Wohnung aufgeben. Er kam nicht aus dem Knick, wohnt fast ein Jahr bei mir und zieht in Kürze aus. Wohnung hat er. Besser so, denn auch er hat ein Alkoholproblem, was ich nicht erkannt habe.

Wer "normal" trinkt, versteckt keine Flaschen an den unmöglichsten Stellen, hat nicht ständig eine Fahne, die er mit Duftwässerchen übertüncht und wird verbal ausfallend, wenn er getrunken hat.

Zum Glück und mit Hilfe der Gruppen konnte ich mich soweit zurücknehmen, dass ich ihn nicht als Partner betrachten kann. Habe mich emotional völlig gegen ihn verschlossen, alles andere hätte keinen Sinn gehabt. Auch wenn er im nüchternen Zustand, den es tatsächlich auch gibt, durchaus nett und liebenswert ist.

Mit demjenigen, der das Drehbuch zu meinem Leben geschrieben hat, würde ich gerne mal ein Wörtchen wechseln ;o)

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