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Michaela (2006)

Hallo , hier ist Michaela, Alkoholikerin und Kind einer Alkoholikerin. Lange habe ich darüber nachgedacht was ich schreibe, und vor allen Dingen, WIE ich es schreibe.

Ich kann mich gut daran erinnern, wie meine Mutter war, wenn sie getrunken hatte. Zum ersten Mal habe ich es richtig registriert als ich 10 war. Zwar hatte sie mich schon vorher mit Zetteln, auf denen Ihre Unterschrift war zum Alk kaufen geschickt, in den Läden kannten sie mich auch bald, aber da hatte ich das nicht wirklich kapiert.

Meine Mutter war immer sehr beleidigend wenn sie getrunken hatte, und sie hat mich beinahe täglich geschlagen.Seitdem habe ich eine Aversion gegen Kochlöffel, bis heute habe ich noch nie einen gekauft.

Sie hat mich mit einer Schüssel für die täglichen Bedürfnisse ins Zimmer eingesperrt, und hat, als ich die Schüssel einmal nicht gleich leerte, als sie wieder geöffnet hatte, den ganzen Mist ins Zimmer gekippt, und ich musste es aufwischen. Nur eine der unzähligen Dinge die passiert sind.

Mein Stiefvater konnte mich nicht beschützen, er arbeite bis 4 Uhr nachmittags. Zum Schluss habe ich es geschafft mitten in der Stadt aus hunderten Autos seines herauszuhören, das war dann das Highlight.

Ich weiss aber auch noch, wie sehr ich sie geliebt habe wenn sie mal nüchtern war, und mit mir bummeln ging. Da hielt ich sie für die beste Mutter der Welt. Letzten Endes bin ich von zuhause weg, und erst in ein Heim, und dann in eine Pflegefamilie.

Irgendwann bekam ich mit, das sie eine stationäre Entziehungskur macht, und später auch erfolgreich abgeschlossen hat. Trotzdem wollte ich keinen Kontakt zu ihr, das Vertrauen war weg. Aus der Liebe die ich für meine Mutter empfand ist Hass geworden, und später, was fast noch schlimmer ist - Gleichgültigkeit, sie war mir egal.

Erst später, als ich selbst Kinder bekam entstand langsam ein Kontakt, später wurde wieder Vertrauen daraus, welches sich inzwischen aber auch wieder erledigt hat, aber nicht wegen des Alkohols, sondern wegen ihrer Position zu meiner Trennung.

Wir haben nie darüber gesprochen, aber ich muss oft daran denken. An so viele kleine Begebenheiten, Situationen, so unsagbar viele kleine und grosse Wunden die sie mir als Kind zugefügt hat.

Um so wahnsinniger, das ich selbst angefangen habe zu trinken als die Probleme in meiner Ehe auftraten. Es war so schleichend, hat sich in mein Leben gestohlen. Die Erkenntnis, hey da stimmt was nicht..die war da, aber die andere Stimme, die sagte : Quatsch, du trinkst doch nur ein paar Bier, du brauchst das nicht, hast es im Griff war grösser. Dann die Phase der Gewissensbisse jeden Morgen, wenn ich mit einem dicken Kopf aufwachte, der Schwur ich trinke nie mehr... haha... die Sucht, dieser schleichende Tod hat mich wieder zum Supermarkt getrieben, und abends um 10 bin ich dann wieder besoffen ins Bett gewankt. Es ist nicht möglich mit einem Alkoholiker/in vernünftig zu diskutieren und Lösungen zu finden, wenn er/sie es nicht von sich selbst aus will. Man macht Versprechungen die man schlicht nicht halten kann, weil die Krankheit einen im Würgegriff hat. Erst wenn man bereit ist aus dem Fahrstuhl nach unten auszusteigen, und das auch tut, dann kann es gut werden.

Im Gegenteil zu meiner Mutter habe ich meine Kinder nie beleidigt, oder geschlagen, aber das macht es nicht besser, denn ich funktioniere als Mutter nunmal nicht wenn ich betrunken bin. Ich hatte keine Kontrolle, konnte keine vernünftigen Grenzen setzten, Grundsätze und Regeln, oder ich konnte sie nicht durchsetzten. Kinder brauchen das alles, und Fürsorge.

Jetzt bin ich trocken, und es fühlt sich wunderbar an.Ich lasse es zu, das ich glücklich bin, und lasse endlich diese verflixte Märtyrerrolle fallen. Ich bin ausgestiegen, aber es musste meine Entscheidung sein, gutes Zureden half da nicht. Und dank dieses Meetings hier, der Menschen hier, dank meiner Kraft die ich in mir gefunden habe, stehe ich es durch, Tag für Tag. Wobei es inzwischen kein Durchstehen mehr ist, sondern ein Genuss.

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