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Ralph (2005)

Ich bin Ralph, ein Alkoholiker seit 31 Jahren. Seit Anfang 2004 bin ich trocken, und ich habe mich seitdem daran gemacht, die Trümmer meiner Vergangenheit aufzuräumen.

In den ersten 5 der 90er Jahre wollte ich mich mit Gewalt selbständig machen. Ich hatte die schlechtesten Voraussetzungen dafür: kein Geld, nicht genug Wissen im Fach und als eigener Buchhalter, und einen Partner, der mich bald über den Tisch zog. Und ich war schon lange Alkoholiker, nur war mir das noch nicht bewußt.

Es waren schlimme Jahre, und ich ertränkte immer mehr Frust im Schnaps in der Hoffnung, daß es dadurch einfacher würde. Zuletzt ging ich verkatert in den Laden und besoffen nach Hause, wenn ich nicht gleich im Geschäft schlief. Das ist prickelnd, wenn man den einzigen Auftrag auf dem Tisch hat (oft ein kaputter PC), dessen Chancen zur Lösung und der Durchblick zusehends kleiner werden.

Eines Tages konnte ich das Geschäft nur noch Hals über Kopf räumen und zuschließen. Wenigstens konnte ich so die materiellen Verluste in Grenzen halten - im Kopf war das eine Katastrophe für mich, ich war gescheitert.

Dann setzte ich mich ein Jahr auf die Schulbank, lernte gute Sachen mit gutem Ergebnis und wurde zuletzt von einem der Lehrer an eine Firma empfohlen. Dort hatte ich gute Chancen und schlechtes Geld. Und ich wurde sofort von zu Hause weg geschickt nach Norddeutschland - das war der Anfang vom Ende. Es war ein famoser Job, aber ich bekam Höhenflüge. Ich war die Woche über allein dort oben, und ich trank jeden Abend. Mehr und mehr. Die Wochenenden waren grausig, denn ich mußte und wollte 3 Tage ohne Alkohol durchhalten.

Nach 2 Jahren machte ich einen Kopfsprung und wollte den Job freiberuflich haben, um nicht mehr als unterbezahlte Koryphäe arbeiten zu müssen. Ich bekam den Auftrag und fortan mächtig dicke Schecks. Nur: ich konnte damit nicht umgehen. Alles war möglich, ich war der gemachte Mann. Jetzt konnte ich mir 30-Mark-Whisky leisten, so oft ich wollte. Ich wurde großkotzig, stand über allen Dingen, legte mich mit den Leuten an und verstand nicht, wieso ich zunehmend abgewiesen wurde. Waren die alle blöd? Ich doch jedenfalls nicht...

2001 kam das Ende. Ich wurde mit Komplimenten entlassen. Es war Schluß, ich verstand die Welt nicht. Mit einem Mordsgetöse habe ich mich von meinem Vermieter "verabschiedet", der eigentlich die Polizei rufen wollte, als ich mit erheblicher Fahne los fuhr.

Ich bekam nochmal Glück: erneut konnte ich zur Schulbank, wieder war es was feines für mich, nur diesmal ohne wesentliche Chance - ich war inzwischen einfach zu alt geworden für die IT-Branche. Mit 45 ist dort nicht mehr viel zu holen.

Dabei ist es geblieben, ich bekam keine Arbeit mehr. Immerhin konnte ich mich freiberuflich ein bißchen hochrappeln mit meiner Frau zusammen. Aber ich brauchte noch 2 Jahre, um auch die elende Sauferei aufgeben zu können. Anstatt etwas Befriedigung zu bekommen, waren die Zusammenbrüche immer häufiger und schlimmer.

Erst heute, trocken, kann ich die Dinge ruhiger angehen. Was nicht wird, wird eben nicht. Jedenfalls nicht heute. Und: erstaunlicherweise "wird" seitdem mehr als vorher! Es ist nicht mehr so schlimm, wenn eine Absage kommt, dafür ist die nächste Zusage schon sorgfältig vorbereitet.

Ich habe eine Menge Trümmer produziert in meinem Leben, und ich wäre mit Sicherheit darunter verschüttet worden mit der Flasche in der Hand. Ich hätte es beinahe nicht lösen können, wieso ich kluger Mensch nicht das erreichen konnte, was ich immer wollte. Ich wollte Erfolg, arbeitete auch ernstlich daran, machte was aus mir, und kam scheinbar trotzdem nicht zu Potte. Aber was wollte ich denn eigentlich - immer höher hinaus? Immer reicher? Immer mehr Freiheit? Ich konnte nicht sehen, daß ich doch eine Menge erreicht habe, mit dem ich zufrieden leben kann. Aber nein, nichts reichte mir. Immer mußte ich mich antreiben. Geendet hat es in der Entgiftung, das war alles.

Ich muß mir nichts vorwerfen, denn ich habe immer versucht, am Ball zu bleiben - rein aus Spaß würde ich auch nochmal die Schulbank drücken. Also können mir alle mal den Buckel runterrutschen, die mir sagen "zu alt, das falsche gelernt, nicht anpassungsfähig (an weit entfernte Arbeitsorte und geringes Geld), und überhaupt!". Da backe ich eben kleine Brötchen, die mich auch ernähren, und die zu backen mir Spaß macht. Ich habe keine Schuld, auch nicht am Saufen - und dagegen tue ich was.

Ich will mich einfach in kein Loch mehr setzen und darin schmoren, was soll ich dort?

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