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Sandra (2005)

Ich möchte auch eine kleine Geschichte erzählen, wie ich zur alkoholikerin wurde. Eigendlich gehörte trinken bei uns in der Familie, wie wohl bei so vielen, dazu.

Als Kind schwor ich mir immer, nie so zu werden. Ich und meine Sschwester, wir wollten das alles anders machen. Aber ich lernte dann mit 14 einhalb einen Jungen kennen, der trank schon gut zu der Zeit. Irgendwann merkte ich auch, dass ich viel cooler und viel selbstbewusster war, wenn ich ein paar Bier trank. Viel vertrug ich sowieso nicht. Auch konnte ich mich so besser gegen meine Mutter wehren, die mich nicht weg lassen wollte, wenn sie betrunken war. Und ich gehörte dazu, zu dieser coolen Clique...

Aber eigendlich gehörte ich ja nie dazu. Ich war denen viel zu harmlos. Kiffen vertrug ich nicht und Bier vertrug ich auch nicht viel. Schnaps mochte ich gar nicht. Sso gehörte ich weder in die Welt der "normalen" noch in die Welt meines Freundes.

Als ich dann meinen Sohn bekam, hatte ich endlich was, was mir gehörte. Ich ging ganz auf in dieser Rolle. Leider hatte ich nie genug Geld. aber mein Sohn kam nie zu kurz. Er war mein all und alles. Ich musste sehr aufpassen, ihn nicht total an mich zu ketten.

Als er dann älter wurde, fing bei mir die Langeweile wieder an. Ich hatte weder einen Schulabschluss noch eine Lehre gemacht. Ich hätte das sicher nachholen können. aber ich war für diese Welt einfach zu feige. Ich habe fürchterlich gestottert, wenn ich nervös war. Und das war ich immer. Alles war mir so fremd. Meine Eltern hatten uns von der Welt nicht viel erzählt. So liefen wir ziemlich naiv durch die Gegend. Auch hatte ich furchtbare Angst alleine. Vor allem in der nacht. Ich bekam Herzrasen, Schweissausbrüche, alles mögliche bis fast zur Ohnmacht. Mein Arzt nannte das damals Herzangst und meinte: M ädchen, wenn du so weiter machst, wirst du nicht alt. So fing ich wieder an Abends mal ein Bierchen zu trinken. Das klappte prima. Keine Angst, keine Schlafstörungen. Alles okay. Bei der einen Flasche, wem sage ichs, blieb es natürlich nicht. Aber ich trank sehr lange Zeit nur abends. Nur um zur ruhe zu kommen. Eine andere L ösung wusste ich nicht mehr. Man nahm mich mit meinen Ängsten ja nicht ernst. - ich war dann eben die Mama die ihr Bier trank. Das wusste jeder und war für mich total normal. Ich war nie so betrunken, dass ich meinen Haushalt nicht mehr machte. Oder nicht arbeiten ging. Obwohl das am schluss immer schwieriger wurde. K örperlich. Doch schlapp machen kannte ich nicht. Disziplin gehörte schon immer zu meinem Leben dazu. Schwäche zeigen gab es nicht.

Dann hatte ich meine Arbeit, die ich so liebte, gekündigt, weil mit der Chefin (wenn man das so nennen kann) nicht klar kam. Sie sah mir das alles zu locker und von uns erwartete sie 100% arbeiten für sehr wenig Geld. Da trank ich das erste mal nachmittags ein Bier und merkte, wie meine Stimmung sich hob. Sicher wusste ich, dass ich mich selbst belüge, ich wollte das ja auch nur kurze Zeit machen. Dann bekam ich einen Job als Putzfrau. Nichts gegen diese Arbeit oder die Menschen, die das machen, für mich war es nichts. Ich wurde richtig unglücklich. Mir fehlte der Umgang mit Menschen. Komisch, früher bin ich Menschen immer aus dem Weg gegangen und dann fehlte mir das. Zu Hause war ja auch nicht gerade viel los... Um diese Arbeit, die mir so zuwider war, machen zu können, nahm ich mir immer öfter ein zwei Bierchen mit, um alles besser zu ertragen. Ich wollte auch ein paar mal raus aus dem Teufelskreis, aber dazu hätte ich Ruhe gebraucht und die hatte ich nicht. Heute frage ich mich, warum ich mir die Zeit nicht genommen habe... Aber die Antwort ist einfach. Schwäche eingestehen...

Ich kippte jedenfalls dann einfach um. nicht nur einmal, und bat meinen Freund, den Krankenwagen zu rufen. Zwischenzeitlich hatte ich aber schon Polyneuropathie, was ich aber nicht wusste. Ich hatte einfach nur starke Schmerzen und dann wie gesagt kippte ich einfach um. Im Krankenhaus wollte ich erst die üblichen L ügen erzählen. Seit Tagen nichts gegessen und den ganzen Quatsch. Aber plötzlich überkam mich der dringende Wunsch, meine Seele zu befreien. Ich fühlte mich ganz leicht, zufrieden und brauchte endlich mal nicht zu funktionieren... Einfach helfen lassen, das war sooo gut. Ich bekam dann eine Bluttransfusion, Infusionen insgesamt und zwei Magenspiegellungen. waren gar nicht so schlimm. Ich weigerte ich nämlich schon seit Jahren, die machen zu lassen. Meine Mutter hat immer geweint danach und das vergaß ich nicht.

Ja, dass ich so krank war, hatte ich dann doch nicht gedacht. Ich sollte dringend in eine Klinik, aber das wollte ich nicht. Ohne meine Familie wäre ich dort noch kränker geworden. ich ging also nach Hause und war sehr brav. Nahm meine Schmerzmittel gegen die Poly und auch das andere Zeug, was ich alles bekam. Die setzte ich aber bald ab. Deazeparm brauchte ich dann nicht mehr und ich wollte auch nicht wieder in die nächste Abhängigkeit geraten. Wie gesagt, ich war so froh, dieses Bier nicht mehr zu brauchen. Richtig dankbar, das hätte ich viel früher haben können. Ja, dann fing ich eine Therapie an und ich wurde auch wegen der Poly fachmännich behandelt. Bis heute , das dauert noch... Diese schmerzen vergesse ich im Leben nie mehr. Ich hatte 15 kilo abgenommen in acht Wochen, wollte teilweise nicht mehr leben. Aber ich habe es geschafft. bis heute. Jetzt bin ich fast 15 Monate trocken. noch 5 Tage ...grins... und ich bin sehr zufrieden. Nicht dass ich nicht manche Probleme noch hätte. Klar habe ich die. Das ist eine ganz neue Welt, alles nüchtern zu betrachten. und auch Schmerz zuzulassen. Aber ich freue mich wie ein Kind, wenn ich merke, dass ich wieder eine Hürde geschafft habe.

Ich gehe sehr behutsam mit mir um, und passe täglich auf, nicht zu vergessen, was für ein Glück ich gehabt habe. Wahrscheinlich wäre ich sonst jetzt schon tot. Im Juli letzten Jahres war ich nochmal im Krankenhaus, weil Verdacht auf Brustkrebs bestand, der Knoten erwies sich aber als gutartig. Und da habe ich beschlossen; jetzt möchte ich leben!!!!! Und nun bin ich auch bereit wieder zu arbeiten. aber ich setzte mich selbst nicht mehr ganz so unter Druck, obwohl man alles Gewohnheiten auch nicht so schnell ablegen kann.

Das war meine Geschichte in Kurzfassung. wenn du sie offen zeigen möchtest, bin ich dazu bereit. Jeder der sich helfen lassen will, soll sehen, das man glücklich aussehen kann und auch sein kann, ohne Alkohol... oder überhaupt ein Suchtmittel.

Liebe Grüsse, Sandra

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