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Norbert (2006)

Ich komme, verdammt nochmal, nicht an den Punkt der Kapitulation vor dem Alkohol und der wirkliche Wunsch mit dem Trinken aufhören zu wollen ist auch nicht da. Ich hör immer mal wieder meiner Freundin zuliebe bzw. ihrem Druck nachgebend für eine Weile auf. Das kann dann durchaus mal 1-2 Monate sein, aber klammheimlich fang ich dann mit kleinen Portionen wieder an, steigere langsam bis sie es irgentwann wieder spitz kriegt und das Spiel von neuem beginnt. Ich spüre genau, daß ihr der Geduldsfaden bald reißt und sie mir aus diesem und anderen Gründen unsere Partnerschaft bald aufkündigt. Mir ist sehr wohl bewußt, daß mein Spiel mit dem Feuer immer brenzliger wird, aber ich kanns einfach nicht lassen und ich gebe der Lust einfach immer wieder nach. Von richtigem Saufdruck möchte ich bei mir gar nicht mal reden.

Immer wieder kommt mir auch der "tröstende" Gedanke gar kein Alkoholiker zu sein, doch meine Trinker-Karriere spricht eindeutig dagegen. Wer mit 2,2 Promille fast unauffällig auf der Autobahn unterwegs ist, ist so sehr an Alkohol gewöhnt, daß man ihn ganz sicher als Alkoholiker bezeichnen kann. Ausnüchterungszelle, 2 verbeulte Autos, Führerscheinverlust, 2 Entgiftungen, Langzeit-Alkoholtherapie, Körperverletzung, Hausfriedensbruch, massive Beziehungsdramen, all das fand in den letzten 7 Jahren statt. Dennoch schaff ich es immer wieder das alles auszublenden und "jungfräulich" das erste Bier zu trinken, bei dem es dann natürlich nicht bleibt. Was ich mir einzig noch zugute halten kann, daß ich keine Räusche mehr trinke und auch nicht angetrunken Auto fahre.

Dieses verdrängen und vergessen können ist etwas ganz spezielles bei mir. Ich bin mir ziemlich sicher, daß das ein "Mitbringsel" aus meiner Kindheit ist und ich da dieses verdrängen zum überleben gebraucht hab. Ich hab weder an meine Kindheit noch an die Schulzeit noch an drauffolgende Arbeitsplätze, frühere Partnerschaften, Reisen etc. wirkliche Erinnerungen. Auch Dinge aus der neueren Vergangenheit kann ich fast nicht behalten, so ist es zB fast ein Zufall, wenn ich mich nach vier Wochen noch erinnere einen bestimmten Film gesehen zu haben, geschweige denn etwas über seinen Inhalt weiß.

Meine Freundin sagt immer, daß ich für sie wie ein schwarzes Loch bin in dem alles einfach verschwindet, sogar die zahllosen positiven Zuwendungen die mir andere schon entgegengebracht haben sind mir abhanden gekommen, ein wirklich großer Verlust.

Ich für mich nehme lieber das Bild eines Computers, dessen Festplatte im Laufe eines Lebens mit zu vielen Informationen gefüttert wurde, die er nicht mehr in der Lage ist zu verarbeiten und die auch keine weiteren Informationen mehr aufnehmen kann. Alles bleibt nur an der Oberfläche und es bleiben keine richtigen Spuren zurück, die, jetzt menschlich gesehen, zu so etwas wir Reifung einer Persönlichkeit führen müßten. Also, kurz, ich meine mir fehlt die Fähigkeit menschlich zu reifen, womit mir vieles versagt bleibt, aber ich will daran jetzt nicht nur negatives sehen, in mancher Beziehung hat es sogar Vorteile.

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