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Bärbel (2017)

R. schrieb: "Später habe ich dann lernen können, daß mir der Alkohol nichts tut, wenn ich ihn dort lasse, wo der Pfeffer wächst."

Lieber R., also bei mir wächst der Pfeffer ziemlich in meiner Nähe. Was ich sagen will ist - es ist nun fast ein Jahr her, dass ich mich hier eingeschrieben habe. Davor hatte ich sieben trockene Monate und glaubte, der Alkohol sei, wo der Pfeffer wächst und das sei weit weg. Mindestens auf der anderen Erdhalbkugel, wenn nicht gar auf einem anderen Planeten. Ganz sicher war ich mir, dass ich es "geschafft" hätte. Der Alkohol war verbannt, ins Exil geschickt und ich wähnte mich "sicher".

Aber da hat es ihm irgendwie nicht gefallen, in der Verbannung, wo der Pfeffer wächst. Er schlüpfte in ein Paket, verkleidete sich als Geschenk und landete bei mir. Also Klartext, obwohl ich es schon einige Male hier geschrieben habe, die Situation war grotesk. Mein Bruder, der überhaupt gar keinen Alkohol trinkt und nie getrunken hat, ganz einfach, weil er ihm nicht schmeckt, und der mir noch NIE Wein geschenkt hat, "meinte es gut" und schickte mir zu Weihnachten ein Paket einer italienischen Firma, in dem sich alles für einen "echt italienischen Genußabend" befand: Spaghetti, Antipasti etc. UND!! Zwei Flaschen Wein. Die Post hatte sich noch Mühe gegeben das zu vermeiden, und das Paket kam erstmal zu meinem Bruder zurück. Der war aber beharrlich und schickte es erneut.

Da saß ich nun in Geschenkpapier und Füllstroh und hatte plötzlich zwei Weinflaschen in der Hand und mein Herz klopfte wild, meine Ohren rauschten und mein Hirn ratterte die Optionen durch: wegschmeißen, wegschütten, verschenken...

All das tat ich nicht, ich wollte ja erstmal überlegen, was das Beste wäre. Und da sprach der Freund aus dem Pfefferland: "Das BESTE ist - du trinkst mich!"

Ich war hin und her gerissen: nein, auf keinen Fall!! Das darf ich nicht! Dann war alles umsonst! Oder, naja, vielleicht ist es gar nicht so schlimm?? Ich könnte doch mal schauen, ob ich nicht nach sieben Monaten plötzlich "Alkohol nur genießen" kann, in Maßen.

Tja. NEIN! Das konnte ich natürlich nicht. Und JA! Was ich lernen musste, durfte war: wenn die "Kontrolle" einmal weg ist, dann bleibt sie das auch. Im Gegensatz zum Dämon Alkohol, der bleibt und lauert.

Ich trank die zwei Flaschen. Erst mal "nur"zwei Gläser. Hej - geht doch. Und an den nächsten zwei Abenden besorgte ich mir Nachschub und war wieder im Hamsterrad.

Ich hatte schon vorher ANGST davor. Und habe sie seither erst recht.

Dann schaffte ich zwei Abende wieder ohne, aber mit Saufdruck! Und wie! Und war wieder in der Scham, in der Angst, maßlos enttäuscht von mir, ein Bündel Elend. Wie konnte ich das nur aufs Spiel setzen?? Nein, es war nicht mein Bruder schuld, oder die italienische Firm, oder der gute Biowein. ICH hatte es versaut!

Ich schämte mich zwei Tage und dann schrieb ich mich hier ein.

Und am kommenden Montag bin ich dann ein ganzes Jahr trocken.

Und freu mich darüber so sehr und bin euch allen so sehr dankbar.

Also: es geht, die Gefahr bleibt, die Sucht auch.

Aber trocken leben kann man dennoch!

DANKE Euch!!

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