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Adami (2014)

Mein Name ist Adami, ich bin 46 Jahre alt und als aller erstes bedanke ich mich für die herzliche und freundliche Begrüßung und die Aufnahme in dem Forum und in der Gruppe. Ich habe mir die vielen Geschichten durchgelesen und ich habe mir gedacht, dass auch meine Geschichte hier vielleicht auch stehen sollte.

Als Sohn eines Quartalstrinkers, der außerdem Haus und Hof verspielt hat und zu Gewaltausbrüchen neigte, und einer Spiegeltrinkerin, habe ich wohl die besten Voraussetzungen mit auf den Weg in mein Leben bekommen, um an einer Sucht zu erkranken. Das gilt auch für meinen Bruder, der Alkoholiker ist und meine Schwester, die heroinabhängig war. Über die familiären und gesellschaftlichen Verhältnisse eines Kindes mit Migrationshintergrund, mit Eltern, die saufen und sich später haben scheiden lassen und das auf dem Lande, will ich nicht weiter eingehen, das würde den Rahmen wohl sprengen.

Die Suchtpräventionsprogramme in meiner Schulzeit in den 1970er Jahren bzgl. Alkohol und Tabak und die Geschichte meiner Eltern, haben mich in Sicherheit gewiegt. Ich dachte, ich bin gewarnt, ich weiß was ich besser nicht machen sollte. Tja, soweit die Theorie.

Mit 17 Jahren habe ich angefangen, Alkohol zu trinken, mit 18 bin ich von zuhause abgehauen und habe ein Jahr auf der Straße gelebt, mit 19 Jahren habe ich angefangen zu rauchen, um beim kiffen nicht zu husten. Kiffen und Alkohol waren hervorragend geeignet, um die Realität zu vergessen und zu vernebeln und mit meinem Coming Out fertig zu werden. Glück im Unglück haben dazu geführt, dass ich mein Leben dann doch in geregelte Bahnen bekommen habe. Ausbildung, Job, Führerschein, mit der Familie wieder im Reinen. Toll, ich war stolz auf mich und dachte, mich kann so schnell nichts aus der Bahn werfen, wenn ich aus dem ganzen Schlamassel herausgekommen bin, kann mich nichts mehr erschüttern. Alles lief bestens, die Kariere, Geld genug, Freunde und einen festen Partner.

Doch dann kam es anders im Jahr 2000. Mein Mutter ist gestorben, ich bin arbeitslos geworden, meine Schwester hat wieder zu Drogen gegriffen und ist dann spurlos verschwunden. Das alles innerhalb von einem halben Jahr. Um das alles zu ertragen oder besser auszublenden habe ich wieder die Vernebelungsstrategie angewendet. Mehr als vier Jahre habe ich täglich gekifft, wenn nichts zum kiffen da war, habe ich mich besoffen und um sicher zu sein, dass ich die Nacht überstehe, habe ich dann auch noch Pillen geschluckt.

Es ist mir heute ein Rätsel, wie ich es in der Situation geschafft habe, einen neuen Job zu finden und eine Festanstellung zu bekommen. Leider hat mich das nicht daran gehindert, weiter zu kiffen, zu trinken und Pillen zu schlucken. Sogar während der Arbeitszeit habe ich Möglichkeiten gefunden, mir einen Joint reinzuziehen.

Dann bin ich in eine Razzia gekommen, als ich meine Drogen besorgt habe, und habe meine Führerschein verloren. Freunde haben sich abgewendet, weil sie mich ebenso wenig ertragen haben wie ich mich selber. Wenn ich morgens in den Spiegel geschaut habe, hatte ich den Eindruck, ich kann zusehen wie ich zerfalle. Ich hatte schon Probleme mich klar zu artikulieren, schlafen ohne Pillen ging gar nicht mehr, wenn ich hustete, habe ich schon immer ein Taschentuch zur Hand gehabt um den ekeligen Auswurf aufzufangen, meine Verdauungsorgane haben sicherlich nicht mehr die Funktion erfüllt, die sie haben sollten. Nicht nur meine Gesundheit war am Ende, auch mein Geld. Dann kamen die ersten Suizidgedanken auf und dann der Versuch. Glücklicherweise habe ich mich zu blöd angestellt.

Mein Leben war ein Trümmerhaufen, wie sollte ich das nur wieder Ordnung bringen. Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung wie ich die Motivation aufgebracht habe, mein Leben wieder hin zu kriegen, aber ich bin die Sache angegangen. Ich habe mir einen neuen Job gesucht, neue Wohnung, habe angefangen Saxophon zu spielen und Sport zu treiben. Ich habe mir jeden Tag etwas Schönes gegönnt oder zumindest meine Leistung gelobt. Ich habe dafür gesorgt, dass ich immer frische Blumen zuhause habe und zum Leid meiner Nachbarn wie ein Besessener täglich Saxophon geübt. Zwei bis drei Mal in der Woche bin ich Schwimmen gegangen und ich habe mir täglich ausreichend Zeit genommen, um gutes für meinen Körper zu tun wie besondere Körperpflege, Entspannungs- oder Erfrischungsbäder und ich habe mit Autogenem Training angefangen und täglich mindestens eine 10-minütige Übung gemacht.

Heute geht es mir gut. Ich habe viel Glück gehabt, dass mein Körper und Hirn das alles mitgemacht haben. Keine Frage, mein Krebsrisiko ist sicherlich ins unermessliche gestiegen, aber das ist wohl jammern auf hohem Niveau. Als in meinem Betrieb die Funktion des Suchtbeauftragen bzw. der Suchtbeauftragten neu besetzt werden sollte habe ich mich beworben. Ich wollte meines dazu beitragen, dass andere Menschen über die Gefahren von Suchtmitteln, die Gefahren von Problemen jedweder Art und die vielen Faktoren die zu einer Sucht führen können, aufgeklärt werden und ich wollte, dass Menschen die ein Problem mit Suchtmitteln oder -handlungen haben, Hilfe, Unterstützung und Verständnis bekommen.

Ich habe den Job und die benötigten Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen bekommen. Erst jetzt, mit meinem heutigen Wissen über die Entstehung von Sucht und die Wirkung von Suchtmitteln, ist mir klar geworden, in welcher Situation ich mich befunden habe und was ich für Glück hatte, da aus eigener Kraft wieder heraus zukommen.

Erst jetzt weiß ich, welch eine Stärke all die Menschen aufgebracht haben und aufbringen, die es geschafft haben ihre Sucht zu besiegen. Es ist toll, die schönen Momente die es jeden Tag und überall gibt, wieder zu entdecken, zu suchen und zu finden. Es muss nicht der Lottogewinn oder die große Liebe sein, es kann der erste Krokus im Frühling, das nette Lächeln der Verkäuferin im Supermarkt, der wiederentdeckte Lieblingspulli, das wohlige Schnurren der Katze oder dass man sich über eine Situation einfach nicht ärgert sein. Es gibt Leute, die mir sagen, "man kann sich alles schön reden" und ich kann nur antworten "ja, ist das nicht toll, das ist besser als alles schlecht zu reden".

Die vielen Geschichten hier haben mich bewegen und sie haben mich bestätigt so weiterzumachen.

Während ich dieses hier geschrieben habe, kamen immer wieder Zweifel in mir auf, ob meine Geschichte hier wirklich hin passt und jetzt wo ich am Ende angekommen bin, denke ich, ja tut sie. Denn ich wünsche mir, von Euch und von Euren Erfahrungen und Erlebnissen zu lernen, für mich und für meine Kollegen denen ich helfen möchte. Das minderste ist, dass ich offen und ehrlich, Euch und mir gegenüber bin und ich glaube so deutlich wie hier habe ich meine Geschichte noch nie erzählt.

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