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Ralph (2020)

Als ich ganz neu bei AA war, war ich vor meinem "Mut" erschrocken, in eine Gruppe mir völlig fremder Leute zu gehen und mein Innerstes nach außen zu kehren. Wie war ich nur auf so eine abwegigen Idee gekommen?? Sowas wollte ich eigentlich gar nicht und ich fühlte mich fremd in den ersten Meetings.

Ich war ja auch nur da, weil mich die Sozialtante in der Klinik so eindringlich dazu überredet hatte... Ihrer Meinung nach würde ich nicht trocken bleiben, wenn ich das nicht mache. Da meine Birne noch leer war und ich nicht wusste, was ich eigentlich tun wollte, ging ich eben hin. Fast schon "ihr zuliebe".

Die "einzige Voraussetzung für die Zugehörigkeit zu AA" (Präambel der AA), den Wunsch zu haben, mit dem Trinken aufzuhören, erfüllte ich noch nicht - und ich wurde trotzdem aufgenommen. Vielleicht gab das den Ausschlag: Hier war ich richtig!

Meinen Sonderstatus als Neuer im ersten Meeting, auch mal dazwischen fragen oder jemanden direkt ansprechen zu dürfen, konnte ich gar nicht nutzen. Ich war wie zugeschnürt, alles war so neu für mich. Ich, der ich sonst so die große Klappe hatte, blieb still. Bei den nächsten Treffen legte ich mir dann langsam was zurecht, was ich sagen könnte - aber wenn ich damit fertig war, waren die zwei Stunden rum.

Eines Tages fasste ich mir ein Herz, meldete mich sofort und kam dran. Huch, viel zu schnell! Aber dann erzählte ich gefühlt mein ganzes Leben, alles sprudelte aus mir raus. Ich sah, daß andere nickten, das spornte mich an. Vielleicht wurde ich dann sogar durch ein lächelndes Antippen der Uhr des Sprechers gebremst, das weiß ich nicht mehr.

Ich wurde fertig. Und still war‘s... Ich lauschte, sah mich um, war gespannt. Dann endlich meldete sich jemand - und erzählte was ganz anderes. Hallo?? Ich wollte doch was zu mir hören!? Ich hatte nichts gefragt, wollte aber Antworten! Oder wenigstens Anteilnahme. Nichts. Ich fühlte mich "nicht da", wie Luft. Unwichtig, uninteressant. Ging so AA? Dass man redet und keiner will es wissen? Das konnte ich auch zu Hause vorm Spiegel...

Das hätte mich fast den Mut gekostet, wieder hinzugehen. Ich wusste einfach nicht so recht, was ich dort sollte. Und trotzdem versuchte ich es in der nächsten Woche wieder, und wieder und wieder bis heute. Gut so, sonst hätte ich bestimmt wieder angefangen zu trinken, die Zeit dafür war längst ran.

Ganz langsam entwickelte sich mein Gespür dafür, wie es funktioniert. Ich lernte hinzuhören und zu entdecken, ob ich was gebrauchen konnte. Und da gab es viel zu entdecken, auch wenn es mir nicht persönlich gesagt wurde! Und ich merkte, dass meine Lust auf Alkohol geringer wurde.

Der Trick in den Meetings, direkte Ansprache zu vermeiden, nicht zu diskutieren, nicht zu kommentieren, alles ein wenig "hinten rum" zu erforschen und weiterzugeben, ist schon ziemlich befremdlich am Anfang. Aber das Ergebnis finde ich verblüffend. Anders als in einer politischen TV-Talkshow, wo alle durcheinander reden und jeder Recht haben will und sich alle niedermachen, geht es in einem AA-Meeting meist wirklich produktiv zu, ohne langweilig zu werden. Dennoch habe ich es oft erlebt, dass wenn jemand in Not ist, auch sofort Hilfe im Raum steht, als ob man den Startschuss gegeben hätte. Manchmal dümpelt alles ein wenig vor sich hin, man merkt aber schon, dass gleich was kommt - und dann wird man plötzlich wach und reagiert.

Das ist wichtig, denn bei einer potentiell tödlichen Krankheit kann man nicht ewig warten. Ignoranz wäre tödlich und jeden könnte es treffen.

So erfahre ich AA-Meetings nun schon sein fast 16 Jahren und die Belohnung bekomme ich immer noch: meine Trockenheit.

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