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Waldemar (2012)

Waldemar, Alkoholiker.

Ich habe jahrelang meine Interesse, meine Wünsche, Träume und was weiß ich noch immer zurückgesteckt. Alle und Alles war wichtigere als ich selbst. Es war normal, daß ich alleletzte war auf meine Liste. Ich habe mich gefreut, wenn ich Anderen helfen konnte, Anderen ihr Arbeit abnehmen dürfte. Es machte mich glücklich, wenn ich Andere glücklich gemacht habe. Wenn ich Anerkennung, Zuneigung und Lob für das was ich gemacht habe, bekommen habe, war ich in sogenannten siebten Himmel. Es hat mich nicht gestört, daß ich dabei zu kurz komme. Ich war stolz, als ich gehört habe, wie gutmütig großzügig, geduldig und und und.... gewesen bin. Meine Meinung, meine "Ecken und Kanten"...., eigentlich wusste ich nicht was das ist.

Eigentlich, denn in mir ganz aber ganz tief drin, war die Sehnsucht, sich so zu zeigen, wie ich tatsächlich bin. Ich wollte auch sagen was ich denke, fühle.... Aber ich traue mich nicht etwas zu sagen oder zeigen. Ich habe Angst vor Ablehnung, Verstoßung, Seits von Kollegen, Seits in der Liebe. Ich bin in meine Rolle schon so herangewachsen, daß ich die Rolle, als meine tatsächliche Persönlichkeit angenommen habe.

Ich wollte auch mit älterer Jungs mithalten. So wie sie, Zigaretten rauchen, Alkohol trinken und dabei Spaß haben. Paradoxeweise, hat mir zB. Bier überhaupt nicht geschmeckt. Aber, alle haben es getrunken, da habe ich auch getrunken. Ich habe nicht den Mum gehabt, zu sagen, daß es mir nicht schmeckt. Ich habe gekotzt und trotzdem weiter getrunken.Total bescheuert....

Bis ich auf einmal entdeckte, daß meine Hemmungen, Vorbehalte auf "wunderbareweise" irgendwo verschwunden sind, wenn ich unter Einfluss von Alkohol gewesen bin. Ich war auf einmal viel lockerer, entspannter... die Welt war viel bunter. Ich habe auf einmal viele "Freunde", ich war beliebt und hatte viel mehr Erfolg bei der Mädchen.
Das hat mir gefallen und wie...

Naja, am Anfang habe ich nur ab und getrunken, aber in Laufe der Jahre immer mehr. Ich habe Freundeskreise gewechselt, geheiratet, mein Wohnsitz/Land gewechselt, Scheidung, wieder geheiratet. Mein Sohn ist geboren.... Um mich herum hat sich ständig was verändert und geändert, nur Eins nicht... mein Alkoholkonsum. Alkohol war mein ständiger Begleiter oder besser gesagt Wegleiter. Es hat mich schon mehr oder weniger bestimmt. Ich wusste schon Längst, daß ich Alkoholproblem habe, nur offen es zu sagen....nee, das konnte ich nicht zugeben. Wie oft habe ich mir gesagt: ab morgen trinke ich nicht mehr.... Aber morgens, waren diese Gedanken verschwunden... ich müsste erst was trinken, um überhaupt auf die Beine zu kommen,um überhaupt denken zu können...

Es hat mit lustig, locker oder entspannt zu sein nichts mehr zu tun gehabt... Ganz in Gegenteil... Anspannung, Verstecktspiel, Mitleid mit sich selbst, Angst und Scham... waren meine tagtägliche Begleiter. Bis ich mich letztendlich entschieden habe Therapie zu machen. Eigentlich nicht ich mich entschieden habe, sondern mein Sohn hat es getan. Er war grade 1,5 Jahre alt und hat gesehen, daß mein Bier zu Ende war und hat mir eine neue Flasche aus der Küche geholt... Das war für mich so ein Schock.... Ich habe mir in diesem Moment die alle Geschichten über Säufer erinnert, die ihre Kinder Alkohol gezwungen haben zu beschaffen usw. Ich habe immer solche Menschen verabscheut und jetzt bin ich denen Gleich. "Das kann nicht Wahr sein, das bin ich nicht. So weiter kann nicht weiter gehen..." das waren meine erste Gedanken. Ich musste was unternehmen. Einige tage später bin ich im Gesundheitsamt gewesen. Die haben mich zu Caritas geschickt... Dort konnte ich zum ersten mal reden,offen sagen,daß ich mein Alkoholkonsum nicht im Griff habe...

Was für eine Erleichterung.... mein Ballast war endlich weg... dachte ich.... Ich wusste nicht, was für ein schwerer Weg vor mir erst steht.... Als ich die Therapie angefangen habe, wollte ich nur aufhören zu trinken. Ansonsten sollte Alles so bleiben, wie bis jetzt gewesen ist. Ich habe mich zwar gefreut, aber ich war volle Skepsis, denn eigentlich, habe ich nicht daran geglaubt, daß man mich durch "Gespräche" überzeugen kann, aufhören zu trinken. Ich habe 6 Wochen gebraucht, bis ich endlich kapiert habe, um was es bei der Therapie geht. Ich habe mich gewährt, ständig Gegenargumente gehabt, Familie vorgezogen usw.Ich wollte und konnte nicht kapieren, daß es primär um MICH geht, um MEINE Ängste, MEINE Zweifel, MEINE Gefühle, MEINE Persönlichkeit und und und.
Daß ICH mir wichtig sein soll.
Daß ICH mir erlauben kann schwach, verletzlich, auch wütend zu sein.
Daß ICH auch was Wert bin.
Alles andere... Familie, Umfeld. Arbeit usw. ist zwar wichtig, aber sekundär...

Es war für mich sehr schwer zu zugeben, daß der Mensch der ich war, nicht ich gewesen ist. Daß es nur eine Fassade war, daß mein bisheriges Leben nur ein "mirrage" war... Es sind viele Tränen geflossen, Wut und Aggression mir selbst gegenüber und Andere.... Bis ich mir erlaubt habe, so zu sein, wie ich tatsächlich bin... Bis ich einigemassen Einklang mit mir selbst gefunden habe... Die Therapie war für mich ein Übungsplatz um mich selbst zu kennenlernen, was ich fühle, was ich wirklich denke und meine.... mich selbst zu finden... Als ich zurück nach hause kam, war ich volle "Power" und so Energie geladen... ich konnte "Bäume ausreißen"... Es hat 7 Jahre gedauert, wo ich trocken gewesen bin, wo ich fast alles was ich während der Therapie gelernt habe, aufgegeben habe. Nach und nach bin ich in alter Verhaltensmuster verfallen. Dazu Hochmut und immer weniger Achtsamkeit. Ich habe mir wieder was vorgemacht, mich übernommen. Und die Sch... Gedanken, daß ich geheilt bin... Konsequenz war... Rückfall... wieder Kampf, wieder Illusionen, daß ich es alleine schaffe...

Ich bin noch tiefer gesunken als vorher... Erste, zweite, dritte Entgiftug... jedes mal einige Monaten trocken... und dann wieder angefangen zu trinken... Ich wollte es nicht glauben, wollte nicht zugeben, daß ich es nicht alleine schaffe... Ich habe doch Therapie hinter mir... ich wusste doch, was ich machen soll... dachte ich.

Bis ich erste krampftartige Zuckungen hatte...
Erste Schreie im Kopf, Mitte in der Nacht gehört habe...
Erste Blitze im Kopf gesehen habe...
Bis ich erste Suizid Gedanken hatte...

ABER ICH WOLLTE LEBEN;WOLLTE FREUDE AM LEBEN HABEN;WOLLTE JEMAND SEIN
! ! ! ! ! ! ! ! ! ! !

Ich habe mir schwer getan zu zugeben, daß ich machtlos gegenüber Alkohol bin... den Kampf aufgegeben habe, daß ich es nicht alleine schaffen werde, daß ich Hilfe brauche... Aber ich habe es getan... Ich habe wieder Therapie gemacht... Es war nicht leicht... Aber da ich wusste um was geht, konnte ich fast sofort an mich anfangen zu arbeiten... Dort habe ich erst gemerkt, wie weit ich von mir selbst gedrifftet bin... Wie weit ich mich selbst und von meinem inneren ICH entfernt bin...

Ich habe einiges von meiner erste Therapie wiederholt, einiges Neues von mir erfahren...
bin viel tiefer in mir rein gegangen...
meinen inneren Kind ausgegraben...
habe angefangen zum Loslassen...
angefangen mich zu mögen,wie ich bin...
und noch vieles mehr...
Während der nachfolgende ambulante Therapie, habe ich die Möglichkeit gehabt, weiter an mich zu arbeiten und einige Sachen in der tat umzusätzen... Ich will nichts dem Zufall überlassen, nutze alle Möglichkeiten um mit mir tatsächlich in Einklang zu kommen. Mich dar zu stellen, wie ich bin, mit alle meiner "Ecken und Kanten", mit meiner Schwächen und Stärken...

Ich weiß es, der Weg ist sehr sehr lang, aber ich bin bereit den Weg zu gehen... Ich will aus meiner Fehler lernen und neue, auch unbequeme Wege gehen...
Ich will mein inneres Kind schützen und begleiten...
Ich weiß es,daß ich viel von mir geben kann,aber ich will auch was zurück bekommen...
Ich will auch lernen anzunehmen...
Ich will mein Gleichgewicht wieder haben...
Ich will nicht Überheblich und Hochmutig sein...
Ob ich Höhere Macht oder Gott in mir finde, weiß ich noch nicht, aber ich will mich nicht zu etwas zwingen, von was nicht 100% sicher und überzeugt bin...
ich will keine extremer Höhen oder Tiefen...
ich will stink normales leben Leben,
und warum...
weil ICH LIEBE DAS LEBEN.

Warum ich die ganze Zeit immer ich ich und ich geschrieben habe... weil ICH zwar nicht so wichtig bin,aber für mich,bin ICH mir wichtig.

G24H
Waldemar, Alkoholiker

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