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Ralph (2004)

Ich bin Ralph, ein Alkoholiker seit 30 Jahren. Seit Anfang 2004 bin ich trocken, und inzwischen fällt es mir leicht, darüber zu berichten.

Als ich etwa 16 Jahre alt war und in die 10. Klasse ging, war ich ein schmales Jungchen ohne nennenswerte Freunde. Ich war schüchtern und konnte mich nicht durchsetzen. 2 Jahre vorher hatte ich die Schule gewechselt undmußte mich damit abfinden, nun nicht mehr zu den besten, sondern nur noch zum Durchschnitt zu gehören. Obwohl mir das keiner vorgehalten hat, machte es mir wohl unbewußt zu schaffen.

Dann kam irgendwie der Kontakt zu einem Mitschüler zustande, der ein Jahr älter und in vielen Bereichen aktiver war. Mit ihm freundete ich mich besonders an, wir kamen gut zurecht miteinander. Wir hörten Musik, die keiner mochte oder kannte - nichts für Teenager, mehr so psychedelische und mystische Sachen -, malten große wirre Bilder, und rauchten und tranken. Das Innerste kam an die Oberfläche, ich wurde ein anderer Mensch. Ich öffnete mich, war nicht mehr schüchtern, sondern oben auf. Und es war toll, früh immer mal verkatert und mit gelbgerauchten Fingern in die Schule zu kommen! Wenn man bedenkt, daß das in einer damaligen DDR-Oberschule absolut nicht üblich war, war das schon eine besondere Sache.

Aber dieses Besondere war trügerisch. Nach der Schulzeit habe ich einige Monate in einem geophysikalischen Meßtrupp im Außendienst gearbeitet, und ich trank wie alle anderen (ich war 18). Dann kam die Armeezeit, und so oft es ging trank ich wie alle anderen (ich wurde 20). Danach ging ich zum Studium - und ich trank deutlich mehr als alle anderen (ich wurde 25). Als ich fertig damit war, ging ich als Entwicklungsingenieur in eine Firma - und die Katastrophe nahm ihren Lauf.

Jetzt konnte ich nicht mehr zurück. Kaum hatte ich eine eigene Wohnung und mehr Geld als zuvor, floß der Alkohol in Strömen. Jetzt hatte mich die Sucht im Griff, es gab kaum noch trockene Tage. Es war egal, was ich trank, die Hauptsache war der tägliche hohe Spiegel und der abendliche Absturz. Spätestens zum 20. des Monats mußte ich mir einen Vorschuß auf das Gehalt geben lassen, sparen war nicht drin. Nach einigen Jahren mußte ich zum ersten Mal die Notbremse ziehen: ich hatte Mist gebaut bei der Arbeit und wurde zum Chef zitiert. Bis dahin hatte ich viele Freiheiten genossen, die Arbeitszeiten waren frei und die Eigenverantwortlichkeit hoch. Nun wurde mir auf freundliche aber bestimmte Art die Trinkerei vorgehalten, was ich mit roten Ohren in kauf nehmen mußte.

Es gelang mir, ein ganzes Jahr mit eigenem Willen (und Disulfiram als Bremse) trocken durchzuhalten. Es ging! Ich konnte sogar immer mal in einer Gartenkneipe hnter dem Tresen stehen und Bier ausschenken, ohne daß ich zuschlagen mußte. Aber ich zählte die Tage - ich wollte ja nur ein Jahr schaffen...

Ich schaffte ein Jahr. Mehr nicht.

Einige Jahre später lernte ich meine Frau kennen, mit der ich noch heute zusammen bin. Sie ahnte nichts von meinem vergangenen und ihrem zukänftigen Schicksal, sonst hätte sie es sich wohl erspart. Aber es kam gerade das Ende der DDR und damit einige Euphorie und dicke Pläne, das lenkte uns ab, und ich konnte auch das Trinken etwas mäßigen. Aber dann..

Ich machte mich selbständig mit einem Computergeschäft, das nicht in die Gänge kommen wollte. Es gab Gründe ohne Zahl, sich täglich zu betrinken. Das ist sehr förderlich für's Geschäft! Nach 5 Jahren mußte ich es schließen. Aber ich bekam eine neue Chance in Form einer Weiterbildung. Sogar ein guter Job war die Folge. Aber es gab auch die schlechte Seite: ich verdiente recht ordentlich, arbeitete weit weg von zu Hause - und versank hemmungslos. Es war einfach nicht zu bremsen, kein Glück der Welt konnte mich davon abhalten! Das ist die Sucht, sie läßte sich nicht kontrollieren.

Eine zweite Weiterbildung war zwar sehr interessant für mich, aber beruflich erfolglos. Wieder neue Gründe zum Trinken, die folgende Arbeitslosigkeit tat ihr bestes dazu.

Die letzten 3 Jahre waren die schlimmsten. Keine Aussichten, dafür erfolglose Versuche, beruflich wieder auf die Beine zu kommen. Ich kann und will eine Menge, nehme immer wieder neue Anläufe, bin nicht mal schuld daran, daß es nicht klappt - aber ich gab mir die Schuld und verlor die Lust immer mehr. Immerhin habe ich es geschafft, mich zum Quartalstrinker zu "qualifizieren", meiner Frau zuliebe, aber vor allem wegen der inzwischen chronischen Geldnot. Wenn mich das auch vielleicht vor gravierenden körperlichen Schäden bewahrt hat - zumindest wurden sie aufgeschoben - , so kennzeichnete das vermutlich das Endstadium. Denn ich konnte auch nicht mehr trinken, es paßte nichts mehr rein.

Alle viertel Jahre etwa packte es mich und ich zog mit einigen Flaschen Schnaps, was das leere Konto eben noch so hergab, in unsere nahe Gartenlaube, um mich dort zu verkriechen. Und dann konnte ich mich schütteln, wie ich wollte, und kotzen was das Zeug hielt, aber der Schnaps mußte rein. Vermutlich wollte ich mir das Licht ganz ausblasen, es gelang mir nur nicht. Immer wieder wachte ich auf nach ein paar Stunden und mußte nachlegen. Mein Gott, was habe ich gefleht, daß es entweder dunkel blieb oder ich da irgendwie rausfand! Fünf oder sechs tage ging das jedes mal so, dann konnte ich nicht mehr. Meine gute Frau, die sehr darunter gelitten haben muß, führte mich nach Hause und ich konnte schlafen. Sie nicht.

Im September 2003 kam der Hammer runter gesaust. Ich war zu Hause am nächsten Morgen und erholte mich, als ich beim Aufstehen vornüber fiel und es Nacht wurde. Als ich aufwachte, lag ich abgekämpft in einer Blutpfütze, meine Frau stand verweint daneben und einige Rettungsleute. Ich wußte nicht, was los war und ließ alles geschehen. Ich kam in die Klinik - aber nicht wegen des Alkohols, sondern wegen der ausgerenkten und gebrochenen Schulter. Daß ich gerade meinen ersten epileptischen Krampfanfall überstanden hatte, wußte ich nicht und die Ärzte ahnten es nur. Niemand kümmerte sich darum.

Die nächsten 5 Monate waren ein einziger Kampf. Der "Unfall" zeigte keine Wirkung im Kopf. Ich zählte die Tage, bis ich wieder "durfte". Weihnachten war dazwischen, Neujahr und der Geburtstag meiner Frau - drei Ereignisse, zu denen ich ihretwegen nichts trinken wollte. 5 lange Monate! Ich wußte, daß das nicht gutgehen würde, aber ich mußte es wohl drauf ankommen lassen. Und ich ließ es drauf ankommen.

Ein letztes mal hatte ich die Tasche voll Schnaps und verdrückte mich. Es wurde schlimmer als je zuvor. Ich mußte noch zur Tankstelle und früh in den Laden. Und es hat nicht gereicht, mir das Licht endgültig auszuknipsen. Keine Ahnung, woher meine Frau die Kraft aufbrachte, mich auch dieses mal heim zu holen. Aber sie tat es.

Am nächsten Morgen ging es mir erstaunlich gut - bis mich der Blitz zum zweiten mal traf. Ich brach in der Küche zusammen und wachte in der Stube auf, wieder blutig und abgekämpft. Der zweite Anfall hatte mich hingestreckt, wieder standen die Sanitäter da und murmelten was von "Säufer". Ich war willenlos, als sie mich einpackten und in die Klinik fuhren, diesmal zur Entgiftung. Ich habe mich ergeben.

In der Intensivstation der Entgiftung habe ich Dinge gesehen, die ich nicht vergessen konnte. So wollte ich nicht enden, und ich gab mir Mühe. Die folgenden 12 Tage waren nicht schön, ich bastelte mein Weidenkörbchen - und ich bekam Besuch. Mein gutes Mädchen kam fast jeden Tag, und wir telefonierten, so oft es ging. Die Gesprächsrunden mochte ich nicht, weil keiner dabei war, dem ich etwas erzählen wollte. Aber irgendwann kam zur Sprache, daß jede Woche gerade in den Räumen der Klinik ein AA-Meeting stattfindet. Warum ich zugesagt habe, dort mal hin zu gehen, weiß ich eigentlich nicht, aber es war eine gute Entscheidung. Endlich konnte ich mich fallenlassen. Endlich konnte und wollte ich nicht mehr. Ich war angekommen.

Heute bin ich seit gut 7 Monaten trocken, ich gehe zu meinen Runden mit den liebgewonnenen AA-Freunden und habe neue Kraft gefunden. Klar überkommt es mich manchmal, wenn die Situation irgendwie haarig wird, aber inzwischen kenne ich Wege, das zu meistern. Und ichh danke meinen Schutzengeln - es müssen viele sein - daß sie so geduldig waren mit mir und immer noch da sind, wenn ich sie brauche!

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